18. August 2013

# 34-19-99 | Größe


Heute gibt es mal richtig viel Text. Wobei das Wort Text den folgenden fulminanten Ausführungen in keinster Weise gerecht wird! Ich lese das so  u n f a s s b a r  gerne, sauge es regelrecht auf. Die Worte entwickeln für mich eine wahnsinnige Dynamik und ich verbleibe jedesmal ganz atemlos und... andächtig.

Folgenden Monolog hält Der Mann in Schwarz im ersten Band des epischen Werkes "Der dunkle Turm" von Stephen King. (heyne verlag, in meiner Version von 1993, S. 192 ff)


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„Das größte Geheimnis, welches das Universum bereithält, ist nicht das Leben, sondern Größe. Größe umfasst das Leben, und der Turm umfasst die Größe. Das Kind, für das Wunder nichts Ungewöhnliches sind, sagt: Vater, was ist über dem Himmel. Und der Vater sagt: Das schwarze Weltall. Das Kind: Und über dem Weltall. Der Vater: Die Milchstraße. Das Kind: Über der Milchstraße. Der Vater: Eine andere Galaxis. Das Kind: Über den anderen Galaxien. Der Vater: Das weiß niemand.

Siehst du? Die Größe besiegt uns. Für den Fisch ist der See, in dem er lebt, sein Universum. Was denkt der Fisch, wenn er am Maul durch die silberne Grenze der Existenz gerissen und in ein neues Universum befördert wird, in dem die Luft ihn ertränkt und das Licht blauer Wahnsinn ist? Wo große Zweibeiner ohne Kiemen ihn in eine stickige Kiste stecken, ihn mit feuchtem Tang bedecken und sterben lassen?

Oder man könnte die Spitze eines Bleistifts nehmen und sie vergrößern. Dabei kommt man an den Punkt, wenn einem eine erstaunliche Erkenntnis aufgeht: Die Bleistiftspitze ist nicht fest; sie besteht aus Atomen, die wirbeln und kreisen wie eine Billion dämonischer Planeten. Was uns fest erscheint, ist in Wahrheit nur ein lockeres Netz, das von der Schwerkraft zusammengehalten wird. Schrumpft man auf die richtige Größe, dann werden die Entfernungen zwischen diesen Atomen zu Meilen, Abgründen, Äonen. Die Atome selbst bestehen aus Atomkernen und kreisenden Protonen und Elektronen. Man könnte noch weiter hinabgehen, zu den subatomaren Teilchen. Und wozu dann? Tachyonen? Nichts. Selbstverständlich nicht. Alles im Universum leugnet das Nichts; es ist unmöglich an ein Ende der Dinge zu denken.

Wenn du bis zur Grenze des Universums fallen würdest, würdest du ein Schild mit der Aufschrift SACKGASSE finden? Nein. Du könntest etwas Hartes und Rundes finden, wie ein Küken das Ei von innen sehen mag. Und wenn du durch diese Hülle hindurchpicken würdest, welches gewaltige und reißende Licht würdest du erblicken, das durch dein Loch am Ende des Raumes hereinscheint? Könntest du hindurchsehen und feststellen, dass unser gesamtes Universum nichts weiter ist als ein Atom in einem Grashalm? Könntest du zu dem Gedanken gezwungen werden, dass du eine Unendlichkeit von Unendlichkeiten vernichtest, wenn du einen Halm verbrennst? Dass die Existenz nicht zu einer Unendlichkeit reicht, sondern zu einer unendlichen Vielzahl von Unendlichkeiten?


Vielleicht hast du gesehen, welchen Stellenwert unser Universum im Plan der Schöpfung einnimmt – als Atom in einem Grashalm. Könnte es sein, dass alles, was wir wahrnehmen können, vom infinitesimalen Virus bis hin zum fernen Pferdekopfnebel, sich in einem einzigen Grashalm befindet … einem Halm, der in einem fremden Zeitstrom erst einen oder zwei Tage existiert haben mag? Was wäre, wenn der Halm von einer Sense gemäht werden würde? Wenn er verdorrte, würde die Fäulnis dann in unser eigenes Universum und unser eigenes Leben einsickern und alles gelb und braun und ausgetrocknet machen? Vielleicht ist das ja schon geschehen. Wir sagen, dass die Welt sich weitergedreht hat; vielleicht wollen wir wirklich damit sagen, dass sie angefangen hat auszutrocknen. (…)

Denke an den Sand der Mohainewüste, die du durchquert hast, um mich zu finden, und stelle dir eine Billion Universen vor – nicht Welten, sondern Universen -, die sich in jedem einzelnen Sandkorn dieser Wüste befinden; und in jedem Universum eine Unendlichkeit anderer Universen. Wir ragen mit unserem erbarmenswerten Grashalmvorteil über diese Universen auf; und du könntest mit einem einzigen Stiefeltritt eine Milliarde Milliarden Welten in die Dunkelheit treten, eine Kette, die niemals vervollständigt wird.


Größe, Revolvermann … Größe …
Doch denke von weiter. Stell dir vor, dass sich alle Welten, alle Universen, in einem einzigen Brennpunkt vereinigen, einer einzigen Säule, einem Turm.

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14. August 2013

# 33 | Siebenfach


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Meine Worte
gehorchen mir nicht,
kaum hör ich sie wieder
mein Himmel dehnt sich, will deinen erreichen,
bald wird er zerspringen
ich atme schon kleine Züge,
mein Herzschlag ist siebenfach geworden
schickt unaufhörlich und kaum verschlüsselte Botschaften aus. 
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 Sarah Kirsch | dt. Schriftstellerin (* 16.04.1935, † 05.05.2013)
 
 
© Blaine